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Pathomechanische Überlegungen zum „Segmentum mobilitatis intervertebralis“

In den vergangenen Modulen haben wir einiges zur Anatomie, Neurologie, Pathologie und Chirurgie der Wirbelsäule gehört.

Meiner Meinung nach wurden aber wesentliche Zusammenhänge nicht explizit erläutert, weswegen ich diese hier vorstellen möchte. Hat man diese wirklich verstanden, werden viele Wirbelsäulenpathologien einfach und logisch verständlich.

Zum Begriff „Segmentum mobilitatis intervertebrale“

Dieser Begriff ist auch unter dem Namen „Junghanns’sches Bewegungsegment“ bekannt, welches nach seinem Erstbeschreiber – Herbert Junghanns (1902 – 1986) – benannt wird.

Junghanns war Schüler und Mitarbeiter von Georg Schmorl, welcher als der Pionier der Wirbelsäulenforschung gilt und er war auch Gründer (1955) und Herausgeber der Buchreihe „Die Wirbelsäule in Forschung und Praxis„, deren Herausgabe nach dem Tode von Junghanns  noch bis zum Jahre 1990  weitergeführt wurde (ca. bis Band 110).

PDF     Nekrolog Schmorl von Junghanns

Band 75, der im Jahre 1977 erschien war der „Nomenclatura Columnae Vertebralis“ gewidmet, in welcher 209 Termini zum Thema Wirbelsäule vorgeschlagen werden und „in sechs lebende Sprachen“ übersetzt wurden.

Junghanns - Nomenclatura

Mit der Aufstellung einer mehrsprachigen Terminologie macht das vorliegende Wörterbuch der Wirbelsäule den Anfang zu einer internationalen einheitlichen Benennung der Fachbezeichnungen mit dem Ziele, die Fachwörter auf einen unverwechselbaren Begriff von eindeutigem Sinngehalt festzulegen.“

Der Begriff „Segmentum mobilitatis intervertebrale“ erscheint als 157. Terminus und wird wie folgt definiert:

Bewegungsraum zwischen zwei Wirbeln. Dazu gehören das „Halbgelenk Zwischenwirbelscheibe“ (Gallertkern, Faserring, Knorpelplatten), beide Wirbelbogengelenke mit Gelenkkapseln und Menisci, die in der gleichen Bewegungsebene liegenden Raumanteile des Wirbelkanals sowie des rechten und linken Zwischenwirbelkanales, ferner die Räume zwischen den übereinander liegenden Wirbelbögen mit den Raumanteilen zwischen den Dornfortsätzen sowie zwischen den rechten und linken Querfortsätzen mit dem Ligamentum interspinale und em Ligamentum supraspinale: stark umrundeter Bezirk in Bildmitte.

Bewegungssegment

Als zugehörig sind weiterhin zu rechnen die den Zwischenraum vorn und seitlich überspringenden Teile des Ligamentum longitudinale ventrale (Terminus 105), die an der Bandscheibenrückwand ansetzenden Abschnitte des Ligamentum longitudinale dorsale (Terminus 106 mit Bild), die Venengeflechte der Wirbelkanales, die Nerven und Gefässe in den beiden Zwischenwirbelkanälen, die Muskelansätze und die Bänder im Bereich der Dorn- und Querfortsätze.

Zur Bezeichnung eines bestimmten Bewegungsegmentes empfiehlt sich die Angabe der beiden angrenzenden Wirbelkörper, siehe Discus intervertebralis (Terminus 61).

Pathomechanik des Bewegungssegmentes

Die im folgenden geschilderten pathomechanischen Überlegungen lehnen sich an die Arbeiten von Junghanns und Benini an. Junghanns veröffentliche unter dem Titel „Die gesunde und kranke Wirbelsäule in Röntgenbild und Klinik“ ein Standardwerk zur Pathologie der Wirbelsäule, welches noch heute seinesgleichen sucht. Die erste Auflage erscheint 1932  – dem Todesjahr von Schmorl – und erschien das letzte Mal 1968 als 5. Auflage.

Junghanns - Gesunde und kranke ...

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Fallbericht 2: St. nach Lungen OP im Jahre 1958 mit Verletzung des N. accessorius

Dieser Fall ist aus den gleichen Gründen interessant, wie die Fallbeschreibung von Herr K., allerdings im umgekehrten Sinne. Äusserte sich im 1. Fall sich das Problem in einer vorzeitigen Skapulaelevation, so kann die Skapula in diesem Falle  zu spät und nur unvollständig gehoben, weil der obere Anteil des M. trapezius gelähmt ist. Das hat Konsequenzen für die Auswahl der widerlagernden Mobilisationsrichtung.

Der Grund dafür ist eine Läsion des N. accessorius, welcher bei einer Lungenoperation vor 56 Jahren  verletzt wurde. Dem Patienten wurden wegen einer Lungentuberkulose die 2 apikalen Lungensegmente links entfernt. Warum dieser Nerv verletzt wurde war mir anfangs nicht klar. Leider existiert heute kein Operationsbericht mehr, so dass ich nur Vermutungen über die Ursache anstellen kann. Wenn man sich den Verlauf dieses 11. Hirnnerven vor Augen führt, kann dieser nicht bei der Lungenoperation verletzt worden sein. Es muss also einen anderen Grund geben.

Akzessorius

Schema aus Mummentahler

So habe ich mich auf die Suche nach Erklärungen gemacht und in einem älteren Lehrbuch der Neurologie eine Antwort gefunden. Dabei handelt sich um die 1. Auflage des Buches „Läsionen peripherer Nerven“ von M. Mumenthaler und H. Schliack aus dem Jahre 1965. (das passt ungefähr zum Operationszeitpunkt des Patienten).

Läsionen

Dort kann man zur Ursache solcher Paresen lesen, dass

„… die weitaus häufigste Ursache einer solchen Parese des oberen Trapeziusanteils die Lympfknotenbiopsie oder -exstirpation im seitlichen Halsdreieck am Hinterrand des M. sternocleidomastoideus ist. Unter den 105 Fällen von Wulff, in welchen eine  Drüsenexstirpation im seitlichen Halsdreieck ausgeführt wurde, bekammen 3 eine Akzessoriusparese, unter den 54 Fällen von Oppikofer waren es 6, wobei es sich diesen Fällen stets um tuberkulöse Lymphome handelte. Unter 22  Patienten mit Akzessoriuslähmung von Skonnord waren nicht weniger als 17 iatrogen: Bei allen war die Lähmung nach der Exstirpation von tuberkulösen Lymphamata colli aufgetreten. … Da bei der isolierten Parese der oberen Trapeziusportion keine Sensibilitätsstörungen bestehen, da eine Atrophie erst nach Ablauf von mehreren Wochen sich einstellt und da Beschwerden erst bei stärkerer Beanspruchung des Armes autreten, bleiben die iatrogenen Paresen bei der Schlusskontrolle durch den Chirurgen so gut wie immer unbeobachtet.“

In der 8. Auflage aus dem Jahre 2003 schreibt Mummenthaler:

„Früher war die Lähmung v.a. nach der Exstirpation von tuberkulösen Lymphomata coli aufgetreten. Ähnliches gilt auch noch für die Nach-Tuberkulose-Ära: In den Jahren 1976 – 1979 sind in einer neurologischen Universitätsklinik alle 18 beobachteten Akzessoriuslähmungen ausnahmslos nach einer Operation am Hals aufgetreten., später 36 von 43. Von insgesamt 245 Läsionen peripherer Nerven aufgrund operativer Eingriffe entfielen nicht weniger als 33 auf den N. accesorius.“

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Fallbericht 1: St. nach Re-Ruptur der RM – Supraspinatus- und Infraspinatussehne

Diese Fallbeschreibung passt zum Thema des vergangenen Moduls, da ein wesentlicher Anteil der Verbesserung des Zustandes durch die Anwendung der widerlagernden Mobilisation des rechten Glenohumeralgelenkes erreicht wurde. Ich werde kurz den Fall beschreiben und danach den Ausgangszustand sowie den aktuellen Ist-Zustand beschreiben.

Fallgeschichte Herr K.K.

Herr K. ist selbstständig erwerbender Zimmermeister. Erstmals tragen Schulterbeschwerden im Februar 2008 auf, wobei per Röntgen-ARthrographie und MR-Arthrographie eine

  • ausgeprägte AC-Gelenksarthrose mit raktivem Knochmarksödem und subchondralen erosiven Läsionen,
  • eine Bursitis subacromialis und eine
  • Tendinopathie der Supraspinatussehne

diagnostiziert wurde.

Im März 2013 Sturz beim Skifahren auf die rechte Schulter mit konsequtiver Rotatorenmanschettenruptur, welche gleichentags operiert wurde. Zwei Monate war die Schulter noch immer sehr schmerzhaft, so dass am 4.6.13 erneut ein MRI der Schulter angefertigt wurde. Dieses zeigte

  • einen glenohumeralen Gelenkserguss mit Capsulitis
  • eine fleckförmige Osteoporose vor allem im Humeruskopf (DD M. Sudeck)
  • eine entzündliche Verdickung der Rotatorenmanschette, vor allem im Bereiche des Supraspinatus
  • Osteolysen um die Osteosyndthese Verankerung im Humeruskopf
  • keine  lange Bizepssehne erkennbar (St. n,. Tenotomie)

Im Oktober 2013 erfolgte eine diagnostische Arthroskopie mit Débridement der rechten Schulter. Intraoperativ zeigt sich eine eingeheilte Subscapulatissehne und eine vollständige Ruptur der Supraspinatus- und Infraspinatussehne, welche nicht mehr zu operieren ist. Sollten die konservativen – physiotherapeutischen Ergebnisse zu einem inakzeptablen Heilresultat führen, würde die Implantation einer inversen Schulterprothese in Erwägung gezogen.

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Buchempfehlung: Praxis LWS – Erkrankungen von A. Eckhardt

Als Ergänzung zum Vortrag von Niklaus möchte ich Euch ein Buch empfehlen, welches meiner Meinung nach den aktuellen Stand des Wissens des Bereiches LWS wieder gibt .

 

 praxis-lws-erkrankungen-072530337     Inhaltsverzeichnis

 

 Einführung    Einführung

 Kapitel 2     Funktionelle Anatomie …

 Kapitel 3-1     Diagnostisches Vorgehen

Kapitel 4-1     Therapeutische Möglichkeiten 1 …

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Was bedeutet eigentlich „Master“

Das englische Wort „Master“ leitet sich vom lateinischen Wort Magister ab und bedeutet Meister oder Vorsteher (Duden).

Heute wird dieser Begriff synonym mit dem akademischen  Mastergrad gleichgesetzt, welcher ursprünglich aus dem angelsächsischen Raum stammt.

„Am 19. Juni 1999 haben 30 europäische Staaten in der italienischen Universitätsstadt die sogenannte Bologna-Erklärung unterzeichnet. Sie legten damit den Grundstein für einen Europäischen Hochschulraum, der inzwischen 47 Mitgliedstaaten – von Island bis Kasachstan – umfasst. Die Europäische Studienreform hat in ganz Europa zu weitreichenden Veränderungen der nationalen Hochschulsysteme geführt.“

„Der Bologna-Prozess leistet mit dem Austausch von Studierenden und Hochschulpersonal einen Beitrag zur Weiterentwicklung der nationalen Hochschulsysteme in Europa, zur Qualifizierung von Fachkräften für den Arbeitsmarkt sowie des wissenschaftlichen Nachwuchses. Zur Erreichung dieser Ziele bedient er sich verschiedener Instrumente. Hierzu gehören unter anderem vergleichbare Studienstrukturen (gestufte Studienstruktur mit Bachelor und Master), eine Qualitätssicherung auf der Grundlage gemeinsamer Standards und Richtlinien sowie Transparenzinstrumente wie Qualifikationsrahmen, Diploma Supplement und ECTS (European Credit Transfer System).“

Quelle: www.bmbf.de – der Bologna Prozess

Bevor dieser Begriff fast ausschliesslich im obigen Sinne verwendet wurde, war ein Meister ein Könner seines Faches, ein Mensch, der über bestimmte zusätzliche Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügte, die ihn von andern abhoben und ihm auf diese Weise mehr Verantwortung und mehr Erfolg ermöglichten.

Neues Buch

Zum Thema Berufsbildung erschien dieses Jahr das Buch „Die Akademisierungsfalle – Warum nicht alle an die Uni müssen“ des ehemaligen Preisüberwachers und Nationalrates R. H. Strahm. Er zeigt darin auf, dass das duale Berufsausbildungssystem, welches neben den universitären Studienausbildungen auch die Berufslehre enthält, seine volle Berechtigung hat und sogar dazu führt, dass die Jugendarbeitslosigkeit in diesen Ländern, welche dieses System praktizieren, am geringsten ist.

Im Buch würdigt er auch das traditinonelle „Meistersystem“ der schweizer und der deutschen Handwerker und geht kritische auf die Auswirkungen der Bologna Reform ein.

  UG_Akademisierungsfalle_1A_14.indd     Leseprobe

 Zur Person Rudolf H. Strahm

Clinical Reasoning

Im physiotherapeutischen Bereich werden solche übergeordneten Fähigkeiten oft nicht explizit formuliert. Seit einigen Jahren allerdings werden die mentalen Fähigkeiten eines Behandlungsprozesses unter dem Namen „Clinical Reasoning“ zusammengefasst. Massgebend zur Verbreitung dieses Wissens beigetragen, hat der Australier Mark. A. Jones.

1997 erschien in der 4. Ausgabe der Zeitschrift für Manuelle Therapie ein Übersichtsartikel zum Thema „Clinical Reasoning als Fundament der klinischen Praxis„. Dieser Artikel ist noch heute lesenswert, weil in ihm eigentlich alles gesagt wird, was zeitlos wichtig ist. Jones spricht allerdings nicht von „Meister“ sonder von „Experte„. Sein Artikel beginnt mit der Frage:“Sind Sie Experte/Expertin auf Ihrem physiotherapeutischen Fachgebiet

Er meint, dass “ Fachkompetenz in jedem Beruf eine mindestens zehnjährige Erfahrung voraus setzt“  und schlägt zur Beurteilung der klinischen Kompetenz einen  aus 21 Fragen bestehenden Selbsttest  vor.

 

 PDF

 Manuelle Therapie 4/97 und 1/98

Wer sich noch mehr mit diesem Thema auseinandersetzen möchte, dem seien diese beiden Bücher empfohlen.

 CR Elsevier

CR Thieme

 

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Erfahrungsbericht MF – Achillodynie

Mit diesem Fallbericht möchte ich Euch gerne meine Erfahrungen mit meinem Fersenproblem mitteilen, da mein Fall im Fussmodul bei Niklaus kurz vorgestellt wurde. Nach nunmehr  fast  14 Monaten sind die Symptome wieder (fast) vollständig verschwunden und das Gewebe scheint geheilt zu sein . Diese Selbsterfahrung war für mich bei allen negativen Aspekten sehr lehrreich. Insbesondere was die therapeutischen Möglichkeiten anbelangt.

Die ganze Geschichte begann im Mai 2013, nachdem ich mit neuen und wohl zu engen Laufschuhen, welche ich im Februar gekauft hatte, trainiert hatte. Üblicherweise mache ich zwei bis drei Lauftrainings pro Woche à ca. 60 – 90  Minuten. Lauftrainings sind mich prinzipiell eine Selbstverständlichkeit, welche ich seit meinem 10 Lebensjahr regelmässig absolviere. Früher habe ich sehr intensiv trainiert und habe bis zu meinem 20 Lebensjahr regelmässig an Orientierungsläufen teilgenommen. Heute mache ich nur noch Gelände- und Waldläufe – Trail Running.

Als Folge der engen Laufschuhe war die Achillesehne mit ihrem Peritendineum am Übergang zum Calcaneus hohen Friktionsbelastungen ausgesetzt, was wohl zu deren Entzündung geführt hatte. Interessant dabei war, dass ich während zwei Monaten keine Beschwerden hatte.

Aber eben, im Mai war es dann soweit, ich konnte kaum mehr schmerzfrei Gehen, geschweige denn Rennen und hatte die typischen Anlaufschmerzen. Der ganze Bereich war sehr stark geschwollen und äusserst druckdolent.

Im Oktober letzten Jahres hatte ich dann genug von diesem chronischen Zustand und liess mir die Ferse sonographisch untersuchen. Die beiden nächsten Bilder zeigen den damaligen Zustand. Man sieht eine stark vaskularisierte Sehne sowohl im Longitudinal Schnitt (Bild 1) als auch im Transversal Schnitt (Bild 2) (Neovaskularisation?)

 Sono longitudinal - 24.10.2013

Bild 1

Sono transversal - 24.10.2013

Bild 2

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Scheuermann und Co.

Im nächsten Modul werden uns Aspekte der Wirbelsäulen Pathologie vorgestellt.

Ich finde es immer unglaublich interessant, wenn man sich auch mit der Geschichte der Medizin befasst und damit auch mit der Geschichte der Krankheitsbilder.

Im Falle der „Scheurermann’schen“ Krankeit, des Morbus Scheuermann, welche von ihm als „Kyphosis dorsalis juvenilis“ benannt wurde, ist es interessant, seine Originalarbeit zu lesen. Wiederum ist diese Arbeit eine sehr genaue Beschreibung des klinischen Bildes, sowie der pathogenetischen Überlegungen und Abgrenzungen.

Ganz besonders interessant finde ich die Äusserung von Scheuermann, dass er der Meinung ist, dass die Ursache dieser Wirbelsäulen Deformität nicht in einer insuffizienten oder schwachen Muskulatur liegt. Im Gegenteil, alle seine dokumentierten Fälle waren kräftige, junge Menschen. Das gibt doch zu denken, denke ich.

 

PDF

„Kyphosis dorsalis juvenilis – M. Scheuermann“ – ZS f Orthopädische Chirurgie einschliesslich der Heilgymnastik und Massage 1921

In der Zeitschrift „Der Orthopäde“ erscheinen immer wieder historische Abrisse zu den unterschiedlichsten Themen. So auch im Dezember 2000 und im Dezember 2001. Weil diese Artikel so zeitlos sind und perfekt zum kommenden Thema passen, habe ich sie auf die Blogseite hochgeladen. Lesenswert ist auch das Vorwort der Herausgeber, welches mit „Es lohnt sich, die Wurzeln zu ergründen“ überschrieben ist.

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Was ist Dialektik?

In einem meiner letzen Kommentare habe ich davon gesprochen, dass sich Lernen als  dialektischer Prozess verstehen lässt, bei dem sich These und Antithese zu einer Synthese entwickeln können.

Für mich ist diese Vorgehen essentiell und enorm bereichernd. Das wäre auch die Idee eines solchen Blogs, diesen Prozess in Gang zu bringen, indem ich bestimmte Themen kritisch angehe und vermeintlich Selbstverständliches hinterfrage  „… indem ich einer These als bestehende Auffassung  oder Überlieferung Probleme und Widersprüchen aufzeige  und  einer Antithese gegenüber stelle, woraus sich eine Lösung oder ein neues Verständnis als Synthese ergeben kann.“ (modifiziert  aus dem folgenden Beitrag).

Zum Verständnis darüber was Dialektik überhaupt ist, habe ich nachfolgend den sehr interessanten Artikel aus Wikipedia kopiert. Er ist eine sehr schöne und umfassende Erklärung der Geschichte und der Bedeutungen des Begriffes  „Dialektik“.

Dialektik ist ein uneinheitlich gebrauchter Ausdruck der westlichen Philosophie.

In der Antike und im Mittelalter bezeichnete er eine Methode der Gesprächsführung oder Argumentation sowie den Bereich, der heute mit Logik bezeichnet wird.

Seit dem 18. Jahrhundert setzte sich eine neue Verwendung des Worts durch: Die Lehre von den Gegensätzen in den  Dingen bzw. den Begriffen sowie die Auffindung und Aufhebung dieser Gegensätze. Rein schematisch kann Dialektik in diesem neueren Sinn vereinfachend als ein Diskurs beschrieben werden, in dem einer These als bestehende Auffassung oder Überlieferung ein Aufzeigen von Problemen und Widersprüchen als Antithese gegenübergestellt wird, woraus sich eine Lösung oder ein neues Verständnis als Synthese ergibt. Dieses aus der Antike bekannte klassische Instrument der Rhetorik wird als Mittel zur methodischen Wahrheitsfindung benutzt, um Gegensätze zwischen Begriff und Gegenstand, Gegensätze zwischen den Diskussionsteilnehmern oder reale Gegensätze in der Natur oder der Gesellschaft zu analysieren und zu beschreiben. Eingesetzt wird dieses rhetorische Stil- und Analysemittel vor allem in der Diskussion, in der philosophischen Schrift oder auch im kabarettistischen Monolog.

 

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„Das gut erledigte Mandat“ – reicht das als Zielsetzung bei Bewegungsaufträgen?

Wir hören immer wieder von Andreas, dass Bewegungsaufträge auf irgendeineweise angeleitet werden können, so dass der Lernweg keine Rolle spielt,  solange das nur das Ziel erreicht wird und damit das  „Mandat gut erledigt“ ist“. Im folgenden Beitrag würde ich die Aussage aus bestimmten Gründen in Frage stellen wollen.

Das „gut erledigte Mandat“ war Thema bei der bereits erwähnten  „Hubfreien Mobilisation“ und bei der „Selbstzentrierung“ am Bespiel des Hüftgelenkes. Ich werde zuerst auf die Vorschläge beim Hüftgelenk und dann noch einmal auf das Thema „Hubfreie Mobilisation“ eingehen.

Zur Zentrierung von anterioren Dezentrierungstendenzen wurde vorgeschlagen, dass man im Vierfüsslerstand mit einem Hüftflexionswinkel von ungefähr 70° aufgrund der Brückenaktivität der Hüftflexoren – vorallem des M. iliopsoas – den Effekt einer „Reposition“ des Femurkopfes erreichen würde. Mit der Übung „Auf und Zu“, welche im Stehen ausgeführt wird, soll das gleiche Ziel erreicht werden. Dabei wird die Flexionsstellung im Hüftgelenk als „Auf“ bezeichnet und die Extensionsstellung als „Zu“.

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Ist die hubfreie Mobilisation ein reaktives Training?

In den letzten beiden Modulen haben wir uns intensiv mit der Technik der hubfreien Mobilisation beschäftigt. Obwohl diese Behandlungstechnik relativ logisch erscheint, gibt es dabei grundsätzliche Fragen.

So kann man in Kollegen Kreisen hören, dass die Hubfreie Mobilisation in die Kategorie „Reaktives Training“ eingeordnet wird, mit der Überlegung, dass beim Fersen nach unten schieben, welches als Bewegungsauftrag für die Induktion der hubfreien Mobilisation in Lateralflexion gewählt werden kann,  als Reaktion auf dieses nach unten schieben, die Latflex in der LWS entstehen würde.

Meiner Meinung nach entspricht diese Interpretation nicht der Idee eines reaktiven Trainings, da die Fersen über die konzentrische Aktivität der kontralateralen Lateralflexoren nach unten geschoben werden. Durch diese Aktion dieser Muskeln wird das Becken und damit das Bein passiv nach unten geschoben.

Zum Verständnis

Das Actio-Reactio Prinzip gehört zu den Kernprinzipien der Bewegungslehre nach Klein-Vogelbach, deren Bewegungsanalyse auf der Differenzierung von Gleichgewichtsreaktionen beruht. Ein schönes Beispiel dafür ist die bekannte „Spinnübung“, bei welcher als Actio beschleunigte Körpergewichte als Primärbewegung (PB) in die eine Richtung bewegt werden (Arm und Thorax) und zur Gleichgewichtserhaltung im Sinne einer Reaktion Gegengewichte in die Gegenrichtung bewegt werden.

In diesem Zusammenhang spricht SKV von Widerlagerung durch ein Gegengewicht, welche als automatisch einsetzende Gleichgwichtsreaktion verstanden wird. Besteht das widerlagernde Körpergewicht aus einzelnen Körperteilen, werden diese gesamthaft aktiviert, weswegen man diesen Zustand als aktivierte passive Widerlagerung (APW) bezeichnet.

  Spinnübung

 Eine Reactio ist also immer im Kontext von Gleichgewichtsvorgängen zu sehen.

Bei der hubreien Mobilisation hingegen (in Rückenlage), finden keine Gleichgewichtsreaktionen statt, da

  1. das Gleichgewicht durch die ASTE gar nicht gefährdet ist, da sich alle Körpergewichte in Parkierfunktion befinden und
  2. bei der initialen Bewegung, der Primärbewegung keine Gewichte so verschoben werden, dass eine Gleichgewichtsreaktion notwendig wird.

Deshalb würde ich bei der hubreien Mobilisation nicht von einer „Reaktiven Übung“ sprechen.

Wollte man die Lateralflexoren im Sinne einer GGR beüben, könnte man das mit dem Ball erreichen, indem man in Bauchlage Bewegungen zu Seite auslöst, wodurch im Sinne einer GGR die Lateralflexion stattinden muss. Diese Übung ist unter dem Namen „Salamander“ bekannt.

Mich würde interessieren, wie Ihr das sieht? Gerne erwarte ich Eure Kommentar.