Ein indisches Gleichnis ….

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Folgende Geschichte wird erzählt:

„Ein alter weiser Hindi erzählte eine Geschichte von sechs blinden Männern, die einem Elephanten  begegneten. Jeder dieser blinden Männer konnte nur einen Teil des Tieres fühlen.

Einer der Männer fühlte einen Stosszahn und sagte, dass der Elephant wie eine Speer wäre. Ein anderer berührte ein Bein und sagte, dass der Elephant ein grosser Baum wäre. Den Rüssel tastend, meinte einer der blinden Männer, dass der Elephant eine grosse Schlange sei. 

Durch jeden dieser Männer wurde die wirkliche Natur des ganzen Elephanten verkannt, da jeder nur einen Teil des Ganzen fühlen konnte. Der alte weise Hindi sagte uns, dass die Wahrheit nur gefunden werden kann, wenn verschiedene Ansichten berücksichtigt werden.

Ein indisches Gleichnis

Warum ist dieses Gleichnis wichtig?

Der eine Grund ist der, weil im letzten Modul eine Wahrnehmungsverschiebung stattgefunden hat. Anstatt von Muskeln oder Gelenke oder Nerven zu sprechen, wurde der Behandlungsfokus auf  „die Faszien“ gelegt. Diese sollen gemäss Salah Bacha synonym für „das Bindegewebe“ stehen.

Es wurde zwar auch von „myofaszial“ gesprochen und bekannte neurophysiologische Aspekte der Gelenk- und Sehnenrezeptoren erwähnt. Mehrheitlich aber wurde nur von den „Faszien“ gesprochen, was konsequenterweise bedeuten würde, dass man eben nur vom Bindegewebe sprechen würde, womit gemäss der Definition die Muskeln ausgeschlossen wären.

Ich frage mich immer wieder, warum der Begriff „Bindegewebe“ oder „Connective Tissue“ durch den Faszienbegriff ersetzt wird und wurde, da der Begriff „Bindegewebe“ viel umfassender, eindeutiger und klarer ist.

Die eine Erklärung ist die, dass sich die  Begriffe „faszinerend“ und „Fitness“ aufgrund ihrer Aliterationsmöglichkeiten hervorragend zur Ergänzung des Begriffes „Faszien“ eignen und somit verkaufsträchtig vermarktet werden können. Bindegewebs-Fitness würde ja ziemlich bescheuert tönen. Ausser man würde Frauen ansprechen wollen, die manchmal meinen, dass sie unter einem schwachen Bindegewebe leiden würden. Da wiederum wäre der Begriff ideal.

Aber nun werden plötzlich auch die Fazien trainiert. Dabei wird bewusst unterschlagen oder einfach nur vergessen, dass der menschliche Körper wie jeder andere Organismus immer als Einheit funktioniert in welchem alle Strukturen – Organe – Gewebe – Zellen – sowieso zusammenwirken. Das ist gar nicht anders möglich. Somit wird bei jeder Bewegung, egal ob das eine therapeutische, sportliche oder Alltagsbewegung ist,  immer auch das Bindegewebe mitbewegt und stimuliert und eben trainiert. Nicht umsonst sagt man immer wieder „Form follows Function. Nicht weil das besonders gut tönt, sondern weil die Natur eben so funktioniert. Auch bei einem Krafttraining mit Gewichten, wird die eingeleitete Kraft auf alle Strukturen übertragen: auf die Sehnen und Muskeln, auf den Knochen an welchem die Sehnen inserieren, auf die Gelenke und deren Kapseln und Gelenke, da diese bewegt werden etc. etc.

Der andere Grund ist der, dass man, wie auch Andreas meinte, darüber hinweg nicht vergessen sollte, dass es auch noch andere Strukturen und damit Behandlungszugänge gibt. Das ist meiner Meinung nach eines der Hauptprobleme der Physiotherapie, dass der Fokus immer wieder auf ein System gelenkt wird, dass man aber selten eine Synthese oder im klinischen Sinne eine Differentialdiagnose macht. So ist dann plötzlich alles nur noch „faszial“ und der Rest wird vergessen. Vor noch nicht allzu langer Zeit, haben wir beispielsweise von der Dezentrierung der Gelenke gesprochen und dort Behandlungstechniken gelernt, die zur Normalisation der artikulären Situation führen sollen.

Das war auch im letzten Modul eine meiner Fragen, im Sinne von „Was behandelt man zuerst“. Salah war der Meinung „die Faszien“ – ich war der Meinung „das Gelenk“. Man kann sicher sagen, dass solche gegenteiligen Meinungen Ansichtssache sind, ich denke aber, dass man bei einer klinischen Untersuchung herausfinden muss, ob nun das Problem primär artikulär bedingt ist oder sogenannt faszial. Man muss sich deshalb mit dem Phänomen der gestörten Bewegung beschäftigen: Was stört wie und warum eine normale Bewegung. Das ist die zentrale Frage. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein Gelenk durchaus als primärer Störfaktor wirken kann und wenn dieses behandelt ist, das Bewegungsverhalten wieder normal funktioniert.

Deswegen sollte man immer versuchen, „das Ganze“ zu sehen. Das gelingt nur, wenn man klar denken kann und sich nicht durch irgendwelche Trends und Gurus blenden lässt.

5 thoughts on “Ein indisches Gleichnis ….

  1. Was war zu erst da, das Huhn……natürlich ist das so wie Du beschreibst. Aber das ist ja auch das Spannende an unseren Beruf und es kann nie langweilig werden. Es könnt auch so argumentiert werden bezogen auf Dein Beispiel: ein blockiertes Gelenk wirkt als Störfaktor auf das Bindegewebskontinuum, ich behandle erst das Kontinuum, was ja wiederum selbst als Störfaktor u.a. am Gelenk wirkt, um das System „zu befreien“ und dann danach, wenn noch nötig, erfolgreich das Gelenk zu mobilisieren. …..

    • Eben Huhn oder Ei -- deswegen Diffentialdiagnose

      Zu meinem Beispiel: Ein blockiertes Gelenk führt zur Aktivierung von Nozizeptoren -- zu Schadensmeldern. Diese führen primär zu einer Beeinflussung des Muskeltonus im Sinne einer reaktiven Hypertonie um das Gelenk ruhig zustellen um weitere unerwünschte Bewegungen zu verhindern. Beispiele: Ausweichhaltung bei Lumbago, Abwehrspannung bei einer Apendizitis, Tortikollis etc. . Dieses Phänomen wird allgemein als Functio laesa bezeichnet.

      In wieweit das Bindegewebskontinuum beeinflusst wird, ist fraglich. Da die Schutzwirkung einer Muskelspannung effektiver ist, würde ich meinen, dass diese aber wichtiger ist. Dauert die Störung jedoch länger an, wird sekundär sicher auch das Bindegewebe beeinflusst -- Cross links , Verkürzungen etc.

      Umgekehrt können sich natürlich myofasziale Bewegungsverluste, die eine Einschränkung der Beweglichkeit der Gelenke nach sich ziehen -- Extremfall Narben -- das Bewegungsverhalten osteokinematisch stören.

        • Das ist eine interessante Frage. Nur soviel: Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Muskeltonus und Myofaszientonus, da es genau das Gleiche bedeutet. Das Muskelgewebe ist innig mit dem Bindegewebe verwoben und verbunden -- es ist eine Einheit = Myofaszial. Somit beeinflusst der Muskeltonus die Spannung auf dem zugehörigen Bindegewebe. Das wird auf diesem Bild sehr klar.

          Muskelbindegewebe

          Deswegen kann man die Spannung der beiden Gewebe auch palpatorisch nicht unterscheiden. In der Osteopathie gibt es allerdings ein Testverfahren, welches „Listening“ oder „Écoute“ Test heisst.
          Dabei werden die Hände auf die Haut gelegt und es wird versucht eine Spannungsrichtung unter den Händen wahrzunehmen. Es wird gesagt, dass damit die „Faszien“ getestet werden. Es könnte sein, dass damit die Faszia profunda, die unter dem subcutanen Gewebe liegt, palpiert werden kann und dabei eine transversal wirkende Spannung wahrgenommen werden kann. Da aber auch diese Faszie eine Verbindung in die tieferen Schichten des Muskelgewebes hat, würde sich auch diese myogene Spannung auf diese Faszie übertragen.

          Ergo glaube ich nicht, dass man Muskeltonus und Myofaszientonus palpatorisch unterscheiden kann.

          Neurophysiologisch ist der Muskeltonus von der Innervation abhängig aber der Myo-faszientonus ebenfalls, obwohl es im Fasziengewebe = Faszia profunda glatte Muskelzellen gibt. Staubesand hat solche in der Faszia cruris beschrieben.

          Interessant ist die Tonusbeurteilung bei schlaffen Lähmungen. Diese vermitteln einem palpatorisch die Wahrnehmung des absuluten Minimums an Tonus und gleichzeitig zeigen sie einem, dass ohne Muskeltonus keine Haltung nur durch das Bindegewebe möglich ist, auch wenn es einen isolierten Faszientonus gibt. Dieser ist einfach zu gering.

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