Neues aus Babylon: noch einmal zum Faszienbegriff

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Sir Francis Bacon (1561 – 1626), englischer Philosoph, Naturforscher, Historiker und Staatsmann forderte, dass die Naturwissenschaft Neues entdecke. Um dieses Ziel zu erreichen, war nach Francis Bacon ein Kampf gegen die „Trugbilder“ notwendig, die eine Erkenntnis der Welt verhindern. Bacon unterschied vier Trugbilder. Die vier Arten von Trugbildern sind das Ergebnis

  • der menschlichen Wahrnehmung
  • der persönlichen Wahrnehmung
  • der fehlerhaften Verwendung von Begriffen
  • der Verwendung falscher etablierter Lehren

Liest man diese Zeilen, würde man nicht meinen, dass diese Gedanken vor über 400 Jahren formuliert wurden, da sich die gleichen „Trugbilder“ noch heute immer wieder in der Physiotherapie  und aktuell ganz besonders in der „Faszienszene“ wiederfinden. Wir leben definitiv in einer Zeit der Versimplifizierung und der Oberflächlichkeit!

Umso wohltuender sind Autoren, die differenzierter denken können, wohl aufgrund der genauen Kenntnis der Materie!

Jüngstes Beispiel ist Carla Stecco MD, Orthopaedic Surgeon and Professor of Human Anatomy and Movement Science in Padua (IT), deren wunderbares Buch „Functional Atlas  the Human Fascial System“ letzte Woche erschienen ist. Sie äussert sich auch zum Faszienbegriff.

 Stecco

Im Vorwort schreibt sie explizit:

„In this book, I stress the continuity of the fascial planes and an understanding of the fascia as connections between muscles, nerves and blood vessels. My own understanding of the fascia is as a proper organ system with its unique macroscopic and histological aspects, and its own functions and pathologies. Remaining constistent with this view, I have employed a restrictive definition of fascia.

I exclude joint capsules, ligaments, tendons and the loose connective tissue from this definition. True, the fasciae are continuoes with all of these but they have distinct microsopic features and functions.“

Damit wird klar, dass diese Definition derjenigen von Salah Bacha und damit derjenigen von Robert Schleip widerspricht , bei welcher jegliche Form von Bindegewebe als Fasziengewebe bezeichnet wurde (siehe Beitrag „Ein indisches Gleichnis … „).

Wenn nun Kapseln, Ligamente und Sehnen vom Faszienbegriff ausgeschlossen werden, so müsste man sich noch einmal über die propriozeptiven Eigenschaften des Fasziengewebes unterhalten, da diese Eigenschaften ja alle den oben genannenten Strukturen zugeordnet wurden. Eigenschaften, die im Übrigen schon lange bekannt waren!

Widersprüche gehören zum wissenschaftlichen Erkenntnisprozess und das Positive an solchen ist, dass sie schlussendlich der „Wahrheitsfindung“ dienen sollen und nicht der Kommerzialisierung – siehe zum Beispiel Faszienfitness und Ähnliches. Der präzise und unmissverständliche Gebrauch des „Trugbildes Sprache“ ist eine absulute Voraussetzung dafür.

Zur Ergänzung dieses wichtigen Themas sei hier noch einmal meine eigene Arbeit aus dem Jahre 2002 über die „Semantik des Faszienbegriffes“  veröffentlicht. Ohne überheblich wirken zu wollen, war sie in einem gewissen Sinne „prophethisch“, da sich bereits damals die aktuelle Entwicklung abzeichnete – Faszien wurden definitiv in – und bezeichnenderweise hat sich in der Zwischenzeit am Gebrauch des Begriffes nicht viel geändert. Immhin, meine damalige Konklusion entspricht derjenigen von Stecco.

PDF

 Dort habe ich geschrieben (GmI bedeutet Gewebe mit Interzellularsubstanzen) :

“Die Struktur- und Funktionsunterschiede der verschiedenen GmI ergeben sich aus dem Anteil und der Art der am Aufbau der Gewebe beteiligten Zellen und Interzellularsubstanzen. So können in einem Falle die Zellen (z.B. reticuläres Gewebe, Fettgewebe), im anderen Falle dagegen die Interzellularsubstanzen (z.B. straffes Bindegewebe, Knochengewebe) vorherrschen. Die entscheidenden Funktionen sind sowohl an die Zellen (z.B. reticuläres Gewebe, Fettgewebe) als auch an die Interzellularsubstanzen (z.B. Straffes Bindegewebe) oder an beide Gewebsbestandteile (z.B. lockeres Bindegewebe, Blut) gebunden.”

Passend zum Thema widmet die Februar Ausgabe von GEO 22 Seiten dem Thema „Bindegewebe“. Im Artikel werden die Begriffe „Bindegewebe“ und „Faszien“ von der Autorin synonym verwendet. Carla Stecco, die interviewt wird, spricht konsequent von „Bindegewebe“. Robert Schleip, der auch zu Worte kommt, spricht hingegen von den „Faszien“. Und natürlich lesen wir wieder, wie immer, von den „faszinierenden Faszien“.

Warum sind eigentlich die Muskeln nicht faszierend? Weil sich „faszinierende Muskeln“ aufgrund der fehlenden Alliteration nicht so gut anhört (Schliesslich kann sich „Milch macht müde Männer munter“ jeder Trottel merken). Dabei geht ohne diese Muskeln, die nun völlig out zu sein scheinen,  überhaupt nichts mehr, was man im Falle einer Lähmung unschwer erleben kann – da nützen einem auch die Faszien nichts mehr. Im Gegenteil. Diese werden steifer, da sie vermehrt Zugkräften ausgesetzt sind.

 Der innere Halt - GEO Magazin    link Link

 

Der Kauf des Buches lohnt sich unbedingt, da er der erste und einzige Atlas des menschlichen Fascialen Systems ist. Dieser ist sytematisch gegliedert und mit einer Fülle von  qualitativ hochwertigen Photographien echter nicht konservierter Objekte ausgestattet.

Zusätzlich erwirbt man sich mit dem Kauf den Zugang zu Videos, die einen erweiterten Blick auf das fasziale System ermöglichen.

 

 

 

 

9 thoughts on “Neues aus Babylon: noch einmal zum Faszienbegriff

  1. Sehr spannend -- und für mich weitaus logischer als die Ausführung von Salah. Gerade histologisch gesehen findet man dann doch sehr grosse Unterschiede zwischen dem „Zusammenbau/Inhalt“ des Gewebes von Lig.- Sehnen- Kapseln etc.
    Wir müssen den Körper und Menschen sicherlich mehr als Ganzes wahrnehmen (bestes Bsp. Chinesische Medizin versus unserer westlichen Medizin), jedoch darf die Individualität und Genialität der dazu gehörigen einzelnen Bausteine doch nicht vergessen werden und als ein Gleiches behandelt werden.
    Es braucht eben jeden Baustein! Die Frage nach dem schwächsten Glied in der Kette bleibt zu entdecken.

    • Liebe Debbie
      Ich schätze es sehr, dass Du mir geantwortet hast. Deinen intelligenten Kommentar kann ich in jeder Silbe unterstützen!
      Wie Du sagst, ist die Histologie der Gewebe doch sehr unterschiedlich, welche eben eine nomenklatorische Abgrenzung notwendig macht.
      Dein Kommentar hat mich zu einem neuen Beitrag veranlasst.
      Das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ passt vorzüglich zu unserem Thema.

  2. Mir ist nicht bewusst, dass uns vermittelt wurde, dass es keine histologischen Unterschiede in kollagenem Gewebe gibt. Das wäre ja absurd.

    • Meiner Meinung nach ist das nicht die Frage, ob uns das vermittelt wurde, sondern es geht nur darum, welche Gewebe wie benannt werden und warum sie so benannt werden. Die Histologie war übrigens während unseres MAS noch nie ein explizites Thema. Wäre sie es gewesen, könnten wir heute fundierter darüber diskutieren. Definitiv ein Manko.

      Die Histologie ist seit Xavier Bichat eine eigenständige Wissenschaft und wird ab 1819 von Mayer so benannt (Über Histologie und eine neue Einteilung der Gewebe des menschlichen Körpers).

      Damals wie heute versuchte man die Gewebe nach eindeutigen Kriterien zu ordnen. Mit der Zeit wurden vier Hauptgruppen von Geweben herausgearbeitet: Die Epithelgewebe, das Muskelgewebe, das Nervengewebe und das Bindegewebe. Als Oberbegriff für das Bindegewebe wird auch der Begriff „Gewebe mit Interzellularsubsanz (GmI)“ gebraucht. Damit kann auch das Blut dieser Kategorie zugeordnet werden. Hier ein Auszug aus meinem damaligen Artikel über die Semantik des Faszienbegriffs indem ich alle diese Fragen detailliert untersucht hatte.

      „Die Struktur- und Funktionsunterschiede der verschiedenen GmI ergeben sich aus dem Anteil und der Art der am Aufbau der Gewebe beteiligten Zellen und Interzellularsubstanzen. So können in einem Falle die Zellen (z.B. reticuläres Gewebe, Fettgewebe), im anderen Falle dagegen die Interzellularsubstanzen (z.B. straffes Bindegewebe, Knochengewebe) vorherrschen. Die entscheidenden Funktionen sind sowohl an die Zellen (z.B. reticuläres Gewebe, Fettgewebe) als auch an die Interzellularsubstanzen (z.B. Straffes Bindegewebe) oder an beide Gewebsbestandteile
      (z.B. lockeres Bindegewebe, Blut) gebunden.“

      Und das sind die Fragen, um die es geht. Warum soll jetzt Bindegewebe plötzlich Fasziengewebe heissen?

  3. „Anatomy Trains“ ist ein Denkmodell zur Funktion der Myofaszien. Thema des Moduls war die neuro-myofasziale Einheit und nicht jedes Bindegewebe.

    • Liebe Kerstin
      Es scheint, als ob wir aneinander vorbei reden. Bei meinem kurzen Beitrag ging es nur um die Defintion des Begriffes „Faszien“
      Im Skript von Salah könne wir unter „Was sind Faszien'“ auf der ersten Seite lesen:

      „Alle faserigen kollagenen Bindegewebsstrukturen des menschlichen Körpers werden seit dem ersten internationalen Faszien-Kongress (2007) unter dem Begriff Faszien zusammengefasst und als ein zusammenhängendes Faszien-Gewebe beschrieben“.

      Nun habe ich in meinem Beitrag die etwas differenziertere Sicht von Carla Stecco zitiert, die auch der Meinen entspricht.
      Wie sie auch, bin ich der Meinung, dass es innerhalb der „faserigen kollagenen Bindegewebsstrukturen“ wesentliche histologische Unterschiede gibt, die die Gleichung „Bindegewebe = Fasziengewebe“ nicht zulassen.

      Wie auch Stecco schreibt, schliesst diese Präzisierung nicht aus, dass es zwischen den Strukturen ein Kontinuum gibt. Das ist eigentlich schon alles. Es geht nicht um den Inhalt des Moduls, sondern nur um die Definition.

      Denn wenn dem so ist, stimmen die Aussagen über die „Faszien als Sinnesorgan“ so nicht, da eben die Ligamente, Kapseln und Sehnen keine Faszien sind. Aber gemäss Schleip befindet sich ein Grossteil der Propriozeptoren in genau diesen Strukturen und somit nicht in den eigentlichen Faszien. Dass das so ist, wissen wir ja schon lange.

      Gut ist, dass Salah in seinem Modul eine Definition seiner Verwendung des Begriffes Faszien gegeben hat. Dann wissen wir, wovon er spricht. Leider aber, ist der Begriff meiner Meinung nach -- und erfreulicherweise auch der Meinung von Carla Stecco -- zu vereinfachend und im Prinzip falsch. Die Botschaft meines Beitrages war, dass in der Wissenschaft die Sprache klar, eindeutig und unmissverständlich sein muss. Sonst versteht man sich nicht.

      Zum Thema „Anatomy Trains“ von Myers noch ein kleiner Exkurs. In der ersten Auflage seines Buches aus dem Jahre 2001 schreibt er zu seiner Verwendung des Faszienbegriffes (ebenfalls zitiert aus meinem Artikel):

      „We are going to refer, a bit improperly, to this body-wide complex as the fascia, or the fascial net. In medicine, the word “fascia” ist usually applied more narrowly to the sheets that invest or surround individual muscles, but we choose here to apply it more generally. All naming or parts of the body imposes an artificial, humanperceived distinction on an event that is unitary. Since we are at pains in this book to
      keep our vision on the whole, undivided, ubiquitous nature of this net, we choose to call it the fascial net. ( If you wish, substitute “collagenous network” or “connective tissue webbing” or Gray’s “extracellular matrix”; we will go with the simple “fascia”).

  4. Das ist schon interessant. So man davon ausgehen kann, dass es das Kontinuum gibt, würde dies für mein Verständnis in der Anatomie und Behandlung nichts ändern. Insofern ist es für mich selber nur insofern relevant, als dass man nun nicht mehr so genau weiß, was der andere meint, wenn er von Fascien schreibt. Eigentlich müsste doch so eine Kongressdefinition Bestand haben, bis man sich allgemein auf eine neue einigt. Insofern sehe ich mich eher bei Salah Bacha.

  5. Genau das ist der Punkt. Es geht um die Eindeutigkeit der Begriffe. Diese ist für das gegenseitige Verständnis eine notwendige Voraussetzung. Aber eben, wer hat das Sagen ….

  6. Es wird interessant sein, dies alles mit Salah Bacha zu diskuttieren.
    Ich habe selbst auch einige bescheidene Fragen zum Modul 15,
    die ich dann anbringen möchte.

    Schaut sie Euch im Vorfeld schon einmal an:

    1. Die Begriffe Elastizität und Platizität im Faszienzusammenhang sind mir noch unklar. Das wurde meiner Ansicht nach nicht exakt genug heraus gearbeitet.

    2. Es fiel die Aussage: „Faszientechniken müssen immer
    mit der Kognition zusammen hängen. Der Patient
    muss gedanklich bei der Technik dabei sein.“ Warum?

    3. Es ist (scheinbar) widersprüchlich, ob ich bei Wirbel-´blockierungen´ eher globale
    oder segmentale Techniken anwende:

    Globale Techniken (ohne Widerlagerung) sind nicht exakt
    und ich mobilisiere eher die normotonen Nachbarsegmente.
    Da faszial jedoch alles verbunden ist, stellt es doch andererseits
    eine sanfte Mobilisierung der blockierten Stelle dar?!

    Segmentale Techniken (mit Widerlagerung) stressen das
    verspannte Gewebe, führen zu einem Arousel und erhöhen
    die segmentale Schutzspannung. Dafür sind diese Techniken
    ´exakter´ am Zielgewebe. Es werden keine normotonen
    Nachbarsegmente gedehnt.

    Was ist nun besser?

    4. Eine weitere spannende Frage für mich ist,
    ob es Korellationen gibt zwischen Faszien-Stiffness
    und der Persönlichkeitsstruktur des Menschen?
    Wer ernster ist (geordnet, steif, gedanklich rigider),
    ist dann auch faszial steifer (und damit auch grobmotorischer)?
    Was bedingt was? Der Körper den Geist oder der Geist den Körper?

    Gut vorstellen kann ich mir, das bei Depressionen
    ebenfalls die Fasziensteifigkeit zunimmt.
    Durch das Vegetativum einerseits und die
    tonusreduzierte gleichförmige Haltung andererseits.

    Es wäre sehr interessant zu erfahren, ob Eures Wissens nach
    hierzu Forschungsmaterial (Studien) besteht?

    5. Korelliert im Sinne des Biotensegrity-Konzeptes
    eine reduzierte Faszienvorspannung mit Skoliose?

    6. Korelliert eine verminderte Pacini-Rezeptoren-Aktivität (verminderte Propriozeption) mit Skoliose?

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